Podiumsdiskussion „Keine inklusive Gesellschaft ohne inklusive Bildung?“

Diskutierende
Dr. Petra Sitte (Parlamentarische Geschäftsführerin der Fraktion “Die Linke“ im Bundestag)
Prof. Dr. Patrick Wagner (Behindertenbeauftragter des Senats der Martin-Luther-Universität)
Nadine Wettstein (blinde Doktorandin am IAMO Halle, Freie Dozentin und Beraterin für Inklusion)
Prof. Dr. Peer Pasternak (Direktor des Instituts für Hochschulforschung an der Martin-Luther-Universität (HoF))
Dr. Ingo Barth (gehörloser Arbeitsgruppenleiter am Max-Planck-Institut für Mikrostrukturphysik Halle)

Moderation
Hendrik Lange (Hochschulpolitischer Sprecher der Fraktion “Die Linke” im Landtag von Sachsen-Anhalt, Vorsitzender der Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen-Anhalt

Einführung in das Thema
Arbeitskreis Inklusion des Studierendenrates der MLU

Inhalte der Veranstaltung
Themen wie Inklusion, Diversität und Gleichstellung sind in den letzten Jahren zu politischen Schlagworten geworden, die man gern in den Mund nimmt, denen man aber selten Taten folgen lässt. Besonders Gleichstellung und Inklusion werden oft verengt. Meist setzt man sie entweder mit Geschlechterverhältnissen oder Behinderung gleich und legt sie somit auf ein sehr begrenztes Gebiet fest. Mit Inklusion ist aber – wenn man sie ernst nimmt – der Auftrag einer grundlegenden gesellschaftlichen Veränderung verbunden. Eine Veränderung, die es allen Mitgliedern einer Gesellschaft unabhängig von Geschlecht, Herkunft oder Behinderung ermöglicht, aktiver Teil des Zusammenlebens zu sein (weiter Inklusionsbegriff). Gerade die 2009 ratifizierte UN-Behindertenrechtskonvention ermöglicht es in Deutschland – allen Hindernissen und Umsetzungsproblemen zum Trotz – die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen grundlegend umzugestalten hin zu mehr Fairness und Gerechtigkeit für alle. Ein Großteil der darin geforderten Maßnahmen, die Lebenssituation von Menschen mit Behinderung zu verbessern, lassen sich leicht verallgemeinern und auf andere Teile der Gesellschaft übertragen. So haben viele Menschen einen Gewinn von barrierefreien Gebäuden und Einrichtungen, wie auch von inklusiv und barrierefrei gestalteten Bildungsangeboten und Arbeitsplätzen. Beispielsweise sind flexible und für möglichst viele Menschen zugängliche Lehrformen für alle Lernenden von Vorteil. Gerade vor dem Hintergrund des lebenslangen Lernens gewinnen diese zunehmend an Bedeutung. Familien profitieren u.a. von der Rollstuhlrampe, wenn sie mit einem Kinderwagen oder älteren Angehörigen unterwegs sind. Ebenso profitieren Migrant_innen von Erklärungen und Dokumenten, die in „Einfacher“ oder „Leichter Sprache“ verfasst sind. Die Vermittlung von Brailleschrift und Gebärdensprache fördert die Sensibilität gegenüber anderen Formen von Kultur in unserer Mitte.

Wie sieht aber die Realität in Deutschland aus, insbesondere im Bereich der Bildung und im Arbeitsleben?

In Kindergärten, Grund-, Haupt- und Realschulen gibt es in den letzten Jahren eine vermehrte Auseinandersetzung mit Inklusion. Mehrheitlich setzt man sich dabei aber oft auf nur hypothetischer Grundlage mit Sinn und Zweck von Inklusionsklassen, gemeinsamen Lernen oder der Auflösung bzw. Erhaltung von Förderschulen auseinander, wobei Inklusion fast ausschließlich auf Behinderung begrenzt wird. Inwiefern dieses „enge“ Inklusionsverständnis Wiederhall und tatsächliche Anwendung in der schulischen Praxis findet, ist i.d.R. abhängig vom Gestaltungwillen der regierenden Parteien und den verantwortlichen Lehrer_innen in der Schule. Besonders im Bereich der gymnasialen Bildung und an den Hochschulen ist das Thema Inklusion, im engen wie im weiten Sinne, bis heute ein weitgehend unbekanntes Thema und wird nicht selten als äußere Einmischung und Störung des geregelten Ablaufs empfunden. Noch allzu oft wird der Nachteilausgleich als Besserstellung der „Schlechten und Dummen“ wahrgenommen, die in einer solche Einrichtung nichts zu suchen hätten. Bis heute sind viele soziale Gruppen von weiten Teilen des Arbeitslebens ausgeschlossen, da sie schon sehr früh im Bildungsverlauf aussortiert werden.

Gerade an Hochschulen ist man außerdem häufig davon überzeugt, dass eine inklusive Gestaltung und Organisation des Studiums und der Forschung für die Hochschule eine nicht zu bewältigende finanzielle Belastung darstelle. Der Glaube, inklusive Lehre strukturell zu verankern und die Arbeitsplätze für Studierende und Forscher_innen angemessen auszustatten würde die Hochschuletats finanziell überlasten, veranlasst die Hochschulleitungen immer wieder dazu, dem Thema wenig Beachtung zu schenken und gar nicht erst nach konstruktiven Lösungen zu suchen. Beispielsweise werden in diesem Zusammenhang i.d.R. individuelle Einzellösungen vorgezogen, obwohl die strukturelle Veränderung auf lange Sicht meist kostengünstiger und nachhaltiger wäre, wenngleich sie individuelle Lösungen nicht in jedem Fall ersetzen kann. Darüber hinaus hätte die gesellschaftlich inklusive Gestaltung von Schule und Hochschule auch einen inklusiven Effekt auf das Arbeitsleben und die Gestaltung von Arbeitsplätzen und Arbeitsverhältnissen. Fast kein promovierter Hochschulangehöriger hat ein Wissen oder eine Vorstellung von der Lebenswelt und -realität eines Arbeiters oder einer Behinderten und von den unsichtbaren Barrieren auf dem Weg des (Bildungs-)aufstiegs.

Die Politik, wie auch Bildungseinrichtungen und Hochschulen müssen hier mehr Verantwortung übernehmen. Besonders das Bildungswesen ist gefordert, da ihm eine besondere gesellschaftliche Stellung zugesprochen wird als Ort der (Aus-)Bildung, Forschung und Innovation. Diese Verantwortung muss sich auch in einer Auseinandersetzung damit wiederfinden, wie Inklusion in der eigenen Einrichtung zu verstehen und anzuwenden ist.

Die Podiumsdiskussion soll die Probleme und Potentiale von gesellschaftlicher Inklusion aufzeigen am Beispiel des Bildungs- und Hochschulsystems. Dabei soll darauf eingegangen werden, wie tradierte Vorstellungen und institutionelle Exklusion zusammenhängen, und Ansätze diskutiert werden, wie das deutsche Bildungssystem in Zukunft inklusiver gestaltet werden könnte.

Die Veranstaltung ist barrierearm, wird im Livestream aufgezeichnet und wird dann auf dieser Seite einsehbar sein. Gebärdensprachdolmetscher stehen zur Verfügung. Während der Ringvorlesung bieten wir eine kostenlose Kinderbetreuung. Wenn Sie diese in Anspruch nehmen wollen, melden Sie sich bitte unter dem Stichwort: „Podiumsdiskussion”, mit Angabe des Namens, des Alters Ihres Kindes und Ihrer Kontaktdaten, insbesondere einer Telefonnummer bis jeweils eine Woche vor der Veranstaltung per E-Mail bei familiengerechte-hochschule@uni-halle.

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Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen-Anhalt

Der MDR berichtet über die Online-Petition des Arbeitskreis Inklusion

Der Mitteldeutsche Rundfunk berichtet über die Situation von Menschen mit Beeinträchtigungen an Sachsen-Anhalts Hochschulen und über die Online-Petition des Arbeitskreis Inklusion, in der wir Vorschläge und Forderungen stellen zur Verbesserung der zur Verbesserung der Studien-/Arbeitssituation von Hochschulmitgliedern mit Behinderung/chronischer Erkrankung bei der Überarbeitung des Hochschulgesetzes des HSG LSA.

Der Fernseh- und der Radiobeitrag sind leider nicht mehr online abrufbar. Weitere Hintergrundinformationen können Sie aber hier nachlesen und hier geht es zu einem Interview zum Thema mit Prof. Dr. Armin Willingmann, Minister für Wirtschaft, Wissenschaft und Digitalisierung des Landes Sachsen-Anhalt. Zu unserer Online-Petition geht es hier.

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Podiumsdiskussion: „Mit Vielfalt zum Erfolg. Wie Diversität die Hochschulen bereichert“

Im Rahmen der Veranstaltung wurde auch ein Forderungspapier an das Ministerium für Wirtschaft, Wissenschaft und Digitalisierung des Landes Sachsen-Anhalt gerichtet. In diesem Papier wird es aufgefordert, die Studien- und Arbeitssituation von Menschen mit Behinderung und chronischer Erkrankung an den Hochschulen des Landes verstärkt in der Überarbeitung des Landeshochschulgestzes zu berücksichtigen. Die Online-Petition finden sie hier: Petition

Moderation:
Dr. Katja Pähle (Vorsitzende des Wissenschaftsforums Mitteldeutschland e.V.)

Diskutierende:
Prof. Dr. Armin Willingmann (Minister für Wirtschaft, Wissenschaft und Digitalisierung des Landes Sachsen-Anhalt)
Dr. Andreas Keller (Leiter des Organisationsbereichs Hochschule und Forschung / stellv. Vorsitzender der GEW)
Dr. René Krempkow (Hochschulforscher, wissenschaftlicher Referent im Bereich „Programm und Förderung“ beim Stifterverband für die deutsche Wissenschaft)
Prof. Dr. Wolfgang Auhagen (Prorektor Struktur und Entwicklung der MLU)
Katja Urbatsch (Gründerin und Geschäftsführerin von ArbeiterKind.de, Universität Gießen)

Einführung und Vorstellung:
Lisette Reimers und Frederike Zech (Arbeitskreis Inklusion)

Inhaltliche Gestaltung:
Die Zusammensetzung der Studierendenschaft an deutschen Hochschulen bzw. der Hochschulmitglieder hat sich in den letzten Jahren sehr verändert. Blickt man dabei allein auf die Entwicklung der Studierendenzahlen, sieht man, dass mit dem Anwachsen des Studierendenkörpers auch die gesellschaftliche Vielfalt stärker in die Hochschulen eingezogen ist. Themen wie Diversität, Heterogenität und Gleichstellung oder auch Inklusion haben in den letzten Jahren deutschlandweit an Bildungseinrichtungen an Bedeutung gewonnen. Teilzeitstudium und Flexibilisierung des Studiums und der Studienplanung werden immer häufiger von Studierenden nachgefragt. ErstakademikerInnen bilden in verschiedenen Hochschulen mittlerweile die Mehrheit der Studierenden, sind aber bei den HochschulmitarbeiterInnen noch immer in der Minderheit. Behinderte stellen ca. zwölf Prozent der StudentInnen, ihr Anteil bei den wissenschaftlichen MitarbeiterInnen liegt an vielen Hochschulen im Promillebereich. Frauen wiederum machen gegenwärtig mehr als fünfzig Prozent aller Studierenden aus, bei den ProfessorInnen sind es hingegen noch immer weniger als ein Viertel.

Die Organisation der Mehrheit der Modul- und Studienpläne berücksichtigt selten den Bedarf und die Bedürfnisse der Studierenden. Gerade wenn diese neben dem Studium ihren Lebensunterhalt durch Arbeit bestreiten, Kinder oder eine Behinderung haben oder sich um pflegebedürftige Angehörige kümmern müssen, kommt es immer wieder zu Problemen. Die noch immer virtuell auf eine homogene, aus dem klassischen bildungsbürgerlichen Milieu stammende, Studierendenschaft ausgerichtete Hochschullandschaft berücksichtigt Studierende wenig, die nur geringen finanziellen und familiären Rückhalt, eine Behinderung haben oder als Bildungsmigranten grundständig in Deutschland studieren. Diese Studierenden sind dadurch einem erhöhten Risiko des Studienabbruchs ausgesetzt.

Die bis jetzt stattgefundenen Veränderungen haben auch neue Themen wie Hochschuldidaktik oder „Lebenslanges Lernen“, aber auch andere Serviceleistungen der Hochschulen verankert. So nehmen einige Hochschulen als „Third Mission“ den Austausch mit externen Kompetenzträgern wahr und fördern so auch die Vielfalt an der eigenen Einrichtung.

Es gilt für die Zukunft zu klären:

  • Welche Entwicklungen werden auf die Länder und den Bund als wichtigste Förderer von Hochschulbildung in diesem Bereich zukommen und wie werden sie diese Entwicklung begleiten?
  • Wie müssen an Hochschulen in Sachsen-Anhalt die Lehraufgaben gestaltet werden, um den erhöhten Bedarf an Lehrpersonal bei einer sich immer mehr diversifizierenden Studierendenschaft abzusichern?
  • Welche Maßnahmen müssen von den Hochschulen auf den Weg gebracht werden, damit Chancengerechtigkeit hergestellt wird und aufrechterhalten bleibt sowie bei Bedarf angemessene Nachteilsausgleiche gewährt werden?
  • Kann die Berücksichtigung von Vielfalt zum Erfolg in Studium und Forschung an einer Hochschule oder Forschungseinrichtung führen?
  • Nimmt man an Hochschulen einen verstärkten Fokus auf die Diversität ihrer Mitglieder als Normalität oder als Bedrohung des geordneten Hochschulablaufs war?

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